Narcisse

Paris in den Nachkriegsjahren.
Narcisse Astor Courtemanche ist Privatdetektiv. Ein Detektiv, der für Geld alles macht. Als der skrupellose Geschäftsmann Henry Clairmont ihm den Auftrag erteilt, nach seiner Frau zu suchen, weiß Narcisse noch nicht, dass dies für ihn kein Auftrag wie jeder andere sein wird.

Anfang des Jahres 2010 wurde innerhalb des Hoerspielprojekt.de ein Skriptwettbewerb veranstaltet. Die eingereichten Hörspielskripte sollten nicht mehr als 15 Seiten umfassen und das Krimigenre bedienen. Mehr als ein Jahr später zehrt die „Community für Hörspielmacher“ noch immer von den damals entstandenen Skripten. Karsten Sommers gut halbstündiges Hörspiel „Narcisse“ erschien Ende Februar dieses Jahres. Es ist angelehnt an den Film Noir der 40er und 50er Jahre. Zu seiner Entstehung hat Sommer selber einen längeren Text geschrieben, der zeigt, wie viel Mühe, Liebe und Überlegung in seinem Hörspielerstling steckt. Diese Mühe merkt mensch der Produktion durchaus an – im positiven Sinne.

Die Story ist eine typische Detektivgeschichte. Ein eigentlich ganz normaler Auftrag läuft plötzlich aus dem Ruder, Protagonist Narcisse muss daraufhin versuchen, alles wieder ins Lot zu bringen. Dabei hätte die Geschichte ruhig noch etwas länger sein, die Handlung noch etwas reifen können, wobei genau das bei einem Kurzhörspielskript nicht möglich war.
Erzählt wird abwechselnd auf zwei zeitlichen Ebenen, einer actiongeladenen späteren und einer eher erklärenden früheren, die im Hörspiel dann an die spätere anschließt. Ein hübscher Kniff, um die Story nicht allzu linear daherkommen zu lassen und eher cineastisch gedacht. Funktioniert aber gut.
Die Dialoge sind gut, haben einen gewissen, charmanten Sprachwitz. Die Beschreibungen sind hier und da ein wenig unkonventionell, aber auf jedenfall sehr detailverliebt und anschaulich. Die Actionszenen sind wirklich stimmungsvoll geschildert. Eigentlich seltsam, dass das Skript es nicht weiter im Wettbewerb geschafft hat.

Bei den Sprecher_innen hat sich Sommer bewusst nicht für die bekanntesten Stimmen des Hörspielprojektes entschieden, sondern ist mit ganz eigenen Vorstellungen ans Casting gegangen. Seine Auswahl war recht gut. Christoph Memmert spricht einen in allen Lebenslagen sehr überzeugenden Privatdetektiv. Und vor allem Jan Schroeder, Ernst Dubitzky, Christiane Marx, Jens Wenzel und Oliver Kube sprechen ihre Figuren sehr charakteristisch.
Das Zusammenspiel zwischen den Figuren funktioniert nicht immer, was dem dezentralen Aufnahmeverfahren geschuldet ist. Auch sind einige französische Aussprachen stimmen nicht. Ansonsten ist alles tiptop.
Auf jeden Fall erwähnt werden müssen Thomas Kramer und Wolfram Damerius, die im sehr überraschenden Schluss vorkommen und einen verdammt guten Job machen. Um das etwas insidergagartige Ende zu verstehen, sollte mensch wissen, dass Thomas Kramer als Autor und Cutter beim Hörspielprojekt aktiv ist, während Wolfram Damerius viele der hervorragenden Cover gezeichnet hat. Mit Sven Matthias veröffentlichte er zur letztjährigen Hörspielmesse ein Rick-Future-Comic.

Schnitt und Sounddesign sind gut geworden. Vor allem mit den Atmosphären hat Sommer sich große Mühe gegeben. Interessant ist die Technik des gleichzeiten Erzählens und Erklingenlassens. Während beispielsweise Kämpfe aus Erzählersicht geschildert werden, ist alles etwas nach vorn oder hinten zeitversetzt zu hören. Dabei sind einige Geräusche noch nicht perfekt in den Gesamtsound eingefügt, insgesamt kann sich die Produktion aber sehr gut hören lassen.
Für die Musik wurde niemand bestimmtes engagiert, sondern passend zu den Szenen ausgesucht, was auch gut funktioniert hat. Sie ist mehr als nur bloße Begleitung und macht einen großen Teil der Film-Noir-Stimmung aus.

Viel Liebe hat Karsten Sommer auch in die Covergestaltung fließen lassen. Nicht nur das Layout, sondern auch die Zeichnungen stammen von ihm. Auch hierüber hat er einiges geschrieben. Das Cover ist nicht nur sehr stimmungsvoll sondern auch voller kleiner Ideen und witziger Details.

Fazit: Narcisse scheint wirklich eine Herzensangelegenheit zu sein. Aber mensch bekommt beim Download nicht nur Herzblut, sondern vor allem Qualität geboten. Das Setting und die Stimmung erinnern ein wenig an den kürzlich für die nächsten zwei Folgen geretteten Richard Diamond der Lauscherlounge. Wer diese Hörspiele mag, kann sich Narcisse getrost herunterladen und sich seines Hörsgenusses sicher sein. Ein paar kleine Unstimmigkeiten und Schnitzer bleiben bei der ersten eigenen Produktion natürlich nicht aus. Auch die Storyentwicklung und das überraschende Ende werden einigen Grund zu Kritik liefern. Dazu ist das Hörspiel gegen Schluss ein wenig zu sehr als Insider geplant. Trotzdem gibt es für Narcisse eine absolute Hörempfehlung.
Wie alle Hörspiele des Hoerspielprojektes gibt es Narcisse zum freien Download.

Bewertung: 12/15

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