Mindnapping 1 – Auf gute Nachbarschaft

Nach dem Tod seiner Eltern fällt der Schriftsteller Hank Lewis in ein tiefes Loch. Bis ein mysteriöser Fremder in das Nachbarhaus einzieht.
Hank hat von nun an keine ruhige Minute mehr. Der neue Nachbar scheint ihm nachzustellen und schreckt auch nicht vor Gewalt zurück. Was ist das Motiv des Fremden? Während eines Unwetters kommt es zum grauenvollen Finale …

Der Name Patrick Holtheuer hat bis vor kurzem noch wenigen etwas gesagt. Trotzdem war er bekannt, fast berüchtigt, für seine Hörspielkritiken. Unter dem Namen Captain Blitz, mit dem er seit Jahren im Netz aktiv ist, kennt ihn der Großteil der Hörspielszene. Nun ist er mit seinem Label Audionarchie selbst unter die Macher_innen gegangen. Die erste Serie des Labels, „Mindnapping“, soll den Anspruch haben, dem Markt etwas vollkommen neues zu bieten, etwas anderes als abgedroschene Monsterjägergruselendloshörspielserien. Bei „Mindnapping“ geht es um wirklich gute Thriller in Hörspielform. Und das gab es tatsächlich noch nicht so oft. Zwar war im letzten Jahr die Serie „Darkside Park“ von Ivar Leon Mengers Psychothriller GmbH unheimlich erfolgreich, doch handelte es sich dabei um Lesungen, kein inszeniertes Hörspiel. Es wird also interessant zu sehen, ob die Serie die vollmundigen Versprechen halten kann.
Was Audionarchie von anderen Newcomerlabels stark unterscheidet, ist die schon zu Beginn professionalisierte Arbeitsweise. Holtheuer hat nicht den Großteil der Produktion vom Skript über Regie bis zum Schnitt übernommen, er hat viel mehr seine Kontakte genutzt, um diese Arbeiten an fähige Menschen aus der Szene zu delegieren.

Die Story der ersten Folge, „Auf Gute Nachbarschaft“, ist gut durchdacht und bringt auch ein gewisses Maß an Innovation. Holtheuer hat die Idee zusammen mit Marcus Görner entwickelt, dieser hat das Skript dazu geschrieben und zusammen mit ihm Regie geführt. Leider ist die Story recht schnell zu durchschauen, wodurch kaum Spannung aufkommen kann. Obwohl die Idee bisher seltener gebraucht wurde ist sie doch in einigen populären Werken im Film-, Buch- und sogar Hörspielbereich (welche, das werde ich hier natürlich nicht verraten) verwendet und in den meisten Fällen etwas geschickter konstruiert. Das ist wirklich schade und an sich der allergrößte Kritikpunkt.
Trotzdem sind die Dialoge gut geschrieben und schaffen es, innerhalb der kurzen Spielzeit die Charaktere deutlich zu zeichnen.

Bei der Sprecher_innenriege handelt es sich zwar nicht um die erste Reihe aus Hörspiel und Synchron (was mensch von einem Captain Blitz vielleicht sogar erwartet hätte), Holtheuer hat allerdings viele professionelle Sprecher_innen verdingen können, die hervorragend sind. Es fiele mir schwer, überhaupt jemanden hervorzuheben, alle interpretieren ihre Rollen großartig und füllen die Figuren mehr als gut aus. Es sprechen Sascha Rotermund, Reinhilt Schneider, Jan-David Rönfeldt, Detlef Bierstedt, Stephan Chrzescinski, Gordon Piedesack und John Ment. Besonders Konrad Halver als Montgomery Brewster zu hören ist toll.

Für Schnitt, Sounddesign und Musik wurde Dirk Hardegen „eingekauft“. Dieser hat zur Produktion der ersten zwei Mindnappingfolgen sogar das nächste Projekt bei seinem eigenen Label Ohrenkneifer verschoben. Und einen hervorragenden Job gemacht. Seine letzte kommerzielle Arbeit, Road to Hell, hatte noch einige Ecken und Kanten. „Auf gute Nachbarschaft“ ist wirklich eine schöne runde Sache geworden. Der Dialogschnitt sorgt für guten Fluss und die Geräusche machen das Hörspiel sehr plastisch.
Die Musik, größtenteils bestehend aus unheimlichen Synthieklängen, ein paar synthetischen Orchesterinstrumenten und treibendem Schlagwerk, macht den Klang und die Atmosphäre perfekt. Hardegen mit all dem zu beauftragen war eine grandiose Wahl.

Fazit: Obwohl der erste Teil von Mindnapping eigentlich qualitativ sehr hochwertig ist, krankt es am wichtigsten Teil für einen Thriller: an der Story. Ansonsten ist das Hörspiel ein gelungener Einstieg ins kommerzielle Hörspiel. Das liegt vor allem daran, dass Patrick Holtheuer eher Koordinator als Künstler innerhalb der Produktion ist und verdammt fähige Leute für sich engagiert. Das erlaubt ihm, eine viel bessere Qualität als manch anderes kleine Label vorzulegen. Was seinen Vorsatz angeht, den Markt ein wenig aufzuschütteln, so hoffe ich, dass es klappt. „Auf gute Nachbarschaft“ ist ein sehr guter Ansatz. Es ist nicht unglaublich unkonventionell, aber eines der wenigen Projekte, die mensch in Anlehnung an den Filmmarkt als Indieproduktion bezeichnen könnte. Es ist Audionarchie (ich könnte ja noch Romane über den offensichtlich vollkommen falsch verstandenen Anarchiebegriff schreiben, der zu diesem Labelnamen geführt hat) zu wünschen, dass sich Mindnapping immerhin so weit rechnet, dass die regelmäßigen Veröffentlichungsvorhaben eingehalten werden können.
Mindnapping 1 – Auf gute Nachbarschaft gibt es als phyischen Tonträger bei pop.de und auch auf den bekannten Seiten (Amazon, iTunes) zum Download.

Bewertung: 12/15

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Ein Kommentar zu Mindnapping 1 – Auf gute Nachbarschaft

  1. Ronny sagt:

    Schöne Rezension, Pandialo.
    Hab Deinen Blog gleich mal mit in meine Linkliste genommen :)

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