Lightstreams 2 – Charlotte

Ein junges Leben zu retten ist eins der höchsten Ziele der Medizin. Doch rechtfertigt dieses Ziel auch wirklich alle Mittel? Charlotte Little ist 20 Jahre alt und liegt seit ihrem elften Lebensjahr im Koma. Ein neues Medikament könnte sie heilen! Doch zu welchem Preis?

In der zweiten Folge ihrer „Lightstreams“ widmen sich die Mindcrusher Studios der Medizin. Die Geschichte stammt dieses Mal von Stefan Müller, den Schnitt hat Oda Plein übernommen. Trotz der steten Umbesetzung in der Produktion fügt sich die Folge Atmosphärisch, vor allem dank der Musik von Markus Holler und den Sounds und Effekten von Jan Boysen wunderbar an den ersten Teil der Reihe an. Genau diese Dynamik im Produktionsprozess ist von den Macher_innen gewollt. Die Geschichten von verschiedenen Autor_innen zu vertonen ist Kern des Konzepts. Und eines haben alle Stories gemeinsam: Sie loten die Grenzen der Realität aus, überschreiten sie offen, aber oft auch unbemerkt und stellen sie damit grundsätzlich in Frage.

Worum es in der Folge geht, wird schon durch den Ankündigungstext verraten. Das eigentliche Problem der Geschichte ist, dass Charlotte nicht nur erwacht und ihr altes Leben wieder aufzunehmen hat, was schwierig genug wäre, sondern dass sie entweder durch das Koma oder durch das Medikament, das sie wieder erweckt hat, seltsame Kräfte und damit eine unglaubliche Macht bekommen hat. Sie muss sich also nicht nur (aus ihrer Sicht) von heute auf morgen als Elfjährige in die gesellschaftliche Rolle einer Zwanzigjährigen finden, sie muss auch genug Reife aufbringen, um ihre neuen Fähigkeiten nicht schamlos auszunutzen.
Was Stephan Müller hier entwirft, ist eine bedrückende Dystopie, der Untergang der menschlichen Kultur aus verdammt niederen Motiven. Und das auf eine Art, die so verrückt (und unverbraucht) ist, dass mensch nur staunen kann. Genau diese Art von Gedankenspiel machen die Lightstreams so interessant, so innovativ. Dabei geht die Geschichte in eine komplett andere Richtung als die der ersten Folge.

Die Sprecher_innen sind leider nicht so gut wie die der ersten Folge. Markus Raab ist wieder großartig in seinem Intro und Outro als Bewahrer. In der eigentlichen Geschichte gibt es aber einige Dialoge, die unnatürlich wirken und die Intention des Textes verfehlen. Das liegt vor allem an den kleineren Rollen. Tabitha Hammer und Michael Gerdes in den Hauptrollen kann mensch keinen Vorwurf machen, sie sprechen souverän. Trotzdem trüben die Dialoge drum herum den Höreindruck.

Der Schnitt ist gut gemacht, da gibt es nichts zu meckern. Vielleicht hätte Plein mit dem Dialogschnitt die Dialoge, die unnatürlich scheinen noch ein wenig retten können, allerdings ist das nur Spekulation. Bei ihrer Erfahrung hat sie wahrscheinlich das Möglichste versucht und dadurch schon einiges ausgebügelt.
Besonders typisch und einzigartig in der freien Hörspielszene ist die Verschmelzung von Geräuschen und der experimentellen Musik, die in die Richtung des Elektroakustischen geht. Das funktioniert wieder hervorragend und weist das kurze Hörspiel durch die entstehende surreale Atmosphäre unmissverständlich als Lightstreamfolge aus.

Ein paar kurze Worte noch zum Cover von Sebastian Hartmann. Es sieht nur auf den ersten Blick wie das Cover der ersten Folge aus, nur mit einem anderen Titel darauf. Zwar ist das Hauptelement, das Auge, stets gleich, doch erfährt der Hintergrund immer wieder subtile Änderungen, die auf die Geschichte der Folge Bezug nehmen. Sehr schön gemacht.

Fazit: „Charlotte“ gibt wieder zu denken auf. Die Geschichte hat nicht so viel mit subjektiver Realitätsverschiebung zu tun wie die anderen Folgen, zeichnen aber ein bedrückendes Szenario, das entweder ewig weit hergeholt ist, andererseits auch nur noch einen Forschungsschritt entfernt sein könnte. Wer weiß? Auch wenn die Umsetzung durch die Sprechleistung der Nebencharaktere nicht ganz so gut geworden ist, lohnt es sich unbedingt, diese knapp zwanzigminütige Folge zu hören. Die Mindcrushers haben erneut einen Hörtrip produziert, der noch länger an einem nagen wird. Wer Lust auf dieses Erlebnis hat, kann sich das Hörspiel frei herunterladen.

Bewertung: 12/15

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