Der erste Schnee

der erste schnee

Was bist Du bereit, für diejenigen aufzugeben, die Du liebst?
Wie weit, bist Du bereit zu gehen?
Bist Du bereit zu töten?
Bist Du bereit zu sterben?
Sie sind es…

Fast pünktlich zu ersten Schnee des letzten Jahres brachte Hoerspielprojekt.de „Der erste Schnee“ heraus. Die Geschichte stammt von Franjo Franjkovic, der schon seit einer Weile für gute und verglichen mit dem Mainstream unkonventionellere Skripte b-ekannt ist, etwa für „Death and Salvation“ oder den zweiten Teil der Parapolreihe. Den Rest, also Regie, Schnitt und die Musik, übernahm Marc Schülert, der bisher nur als Sprecher, auch in Funk und Fernsehen, zu hören war.

Sollte mensch das Hörspiel beschreiben, so träfe am ehesten zu, es als „Variantkammerhörspiel mit Rückblicksequenzen“ zu bezeichnen. Oder als Science-Fiction-Drama-Hörspiel mit starkem künstlerischen Anspruch.
Inhaltlich geht es um eine Notsituation auf einer Forschungsstation auf einem rohstoffreichen Eisplaneten, weit von der Erde entfernt, die zwei Personen parallel erleben, ohne sich zu begegnen. Das Skript lässt intelligent vieles offen, so zum Beispiel, warum sich beide nie begegnen, obgleich sie doch in der Geschichte des_der anderen eine so große Rolle spielen. Zwischendurch erfährt der_die Hörer_in in Rückblicken die tragische Vorgeschichte der beiden Protagonist_innen. Viel mehr sei nicht verraten, nur, dass die beiden parallelen Handlungsstränge, die sich so ähnlich sind, also entweder Varianten derselben Geschichte oder in alternativen Realitäten, Universen oder was auch immer, passieren, sich zum Schluss wieder zusammenfinden.
Diese Erzählstruktur macht das unvorbereitete Hören schwerer, als es sein müsste, aber auch umso interessanter. Trotz des SciFi-Settings steht der dramatische Aspekt, die klaustrophobische Enge sowohl des physischen Raumes als auch des Spielraumes der lebenswichtigen Entscheidungen, die beide treffen, dabei persönliche Prämissen und ethische Fragen gegeneinander abwägen müssen, manipuliert von der Bordintelligenz, im Fordergrund und machen das Hörspiel zu einem unbequemen, aber sehr interessanten Nervenkitzel.

Die Sprecher_innen setzen das Skript toll um. Robert Frank spricht zum ersten Mal für das Hoerspielprojekt, ist aber berufstätiger Schauspieler und Sprecher. Er ist in vielen SWR-Hörspielen zu hören. Auch Karen Schulz-Vobach ist kein unbeschriebenes Blatt in der Sprecher_innenszene. Die beiden lassen durch ihre Sprechleistung die Hauptfiguren zu sympathischen Charakteren werden. Die gesamte Riege liefert eine tolle Leistung ab. Unter ihnen befinden sich auch weitere (eher in der freien Szene) bekannte Stimmen, so etwa Dirk Hardegen und Markus Raab.

Die Produktion ist wunderbar rund. Marc Schülert, der sowohl Regie geführt hat, als auch geschnitten und musiziert, hat damit ein Gesamtkunstwerk perfekt gemacht. Der Schnitt ist sauber und die Geräuschkulisse größtenteils sehr gelungen und plastisch. Zwischendurch kann es mal passieren, dass ein Geräusch zwar gut ausgesucht, aber trotzdem deplaziert klingt, was Detaileffektarbeit ist. Diese Momente sind aber so kurz, dass mensch den Mund in diesem Augenblick trotzdem nicht wieder zubekommt ob der tollen Produktionsarbeit. Was alles letztendlich nicht nur zusammenhält, sondern -schweißt, ist die Musik. Zarte Synthieflächen mit fast zerbrechlichen kleinen Melodien dazwischen, genauso zerbrechlich wie die Strukturen von Schneeflocken, aber auch die Nerven der handelnden Personen, durchziehen das ganze Hörspiel und heben es in die Ruhmeshalle des nichtkommerziellen Hörspiels 2010.

Fazit: Unbedingt anhören! Es kann sein, dass es mehr als eines Durchlaufes bedarf, um „Der erste Schnee“ wirklich zu erfassen, aber jedes Mal des Hörens lohnt sich. Die Punkte in der Geschichte, die offen gelassen werden, regen zu Nachdenken an.
Wer platte Stories lieber hat als Radiohörspiele sollte vielleicht besser die Finger davon lassen. Die Action passiert im Kopf. Umso schöner, dass die Bearbeitung von Marc Schülert dem Skript derart gerecht wird und darüber hinaus so viele Facetten hinzufügt.
Wer also Lust hat, sich ein etwas weniger konventionelles und mit viel Liebe gemachtes Hörspiel zu Gemüte zu führen, kann „Der erste Schnee“ hier frei herunterladen.

Bewertung: 14/15

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