Die Fahrt

Fabian von Fähren erwacht in den Trümmern seines Autos – neben seiner toten Frau. Alles scheint verloren. Seine Familie und seine Erinnerungen an die letzten Stunden liegen hinter einem dunklen Schleier.
Ein ehrgeiziger Kommissar will die Wahrheit ans Licht bringen. Doch manchmal ist es besser, die Wahrheit im Verborgenen zu lassen.

„Die Fahrt“ ist ein ganz außergewöhnliches Hörspiel. Michael Gerdes schrieb das Skript und übernahm die Projektkoordination und Musik. Am Schnitt waren allerdings insgesamt 12 Menschen beteiligt. Gerdes nutzte das Hörspiel innerhalb des Hoerspielprojektes als „Cutterschule“. Auf der Suche nach Schnittwilligen meldeten sich einige, die grundsätzlich helfen wollten, sich aber ein so großes Projekt nicht zutrauten. Gerdes gab jedem_r eine Szene, für die sie verantwortlich waren.
Zu erwarten wäre jetzt ein Szenenflickenteppich, das trifft aber absolut nicht zu. Da Gerdes die Finalisierung der Szenen übernahm, ist der Höreindruck auch szenenübergreifend angenehm homogen.

Nicht nur die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich, auch die Geschichte ist eine vollkommen andere als mensch vom nichtkommerziellen Hörspiel gewöhnt ist. Die Fahrt ist ein Dialogstück, eine Familientragödie, ein Krimi und intrigantes Spiel gleichzeitig. Auf zwei Erzählebenen klärt sich Szene für Szene, was vor dem Unfall und während der Fahrt passiert ist. Einige Reizworte in den gegenwärtlichen Ebene lassen Fabian von Fähren sich der Vergangenheit erinnern. Auch andersherum funktioniert diese Verknüpfung oft. In seinem künstlerischen Anspruch orientiert sich das Skript nicht wie üblich an typischen kommerziellen Produktionen, sondern eher an Radiohörspielen, ohne diese jedoch zu kopieren.

Die Sprecher_innen leisten tolle Arbeit. David Riedel, Sabine Graf, Felix Würgler und Marie-Christin Natusch sind in den Hauptrollen großartig, Frauke Hemmelmann und Sandra Engel stechen auch in ihren kleineren Rollen aus dem Hörspiel angenehm heraus. Alle hauchen ihren Figuren wirkliches Leben ein. Die schön geschriebenen Dialoge füllen sie vollkommen aus und machen sie lebendig. Die Schwierigkeiten, die Kinder aufzunehmen, merkt mensch den Stellen, in denen sie zu hören sind, leider an. Ansonsten wird das Hören durch die Sprecher_innen an keiner Stelle getrübt, sondern nur beflügelt.

Der Schnitt und die Effekte sind bei dieser Produktionsweise natürlich besonders interessant. Jede_r hat normalerweise seinen_ihren ganz eigenen Stil. Durch die wenig actionreiche Geschichte scheinen jedoch potentielle Stolpersteine jedoch schon einmal beseitigt, außerdem wurden die Szenen von Gerdes selbst letztendlich noch angeglichen. Die von ihm zusammengestellte Musik, teilweise freie Stücke unter cc-Lizenz, größtenteils selbst gemacht, ist toll gesetzt und verstärkt die für das Hörspiel sehr wichtigen Emotionen an vielen Stellen hervorragend. Das spannende, aber gleichzeitig auch melancholische Klaviermotiv, das immer wieder auftaucht, bleibt noch stundenlang im Ohr. Und vor allem das Gefühl für Timing verleiht dem Ganzen eine tolle Stimmung und Atmosphäre.

Das Cover ist das einzige, das nicht überzeugen kann. Nichts gegen schlichte Designs, das Motiv ist allerdings nichtssagend und das Layout ebenfalls unvorteilhaft. Normalerweise ist mir die graphische Gestaltung auch gar nicht sonderlich wichtig, es ist nur schade, dass sie hier ein wenig den Gesamteindruck trübt und dem sich dahinter verbergenden Hörspiel ein wenig die Strahlkraft raubt.

Fazit: Trotz der vielen Mitwirkenden ist „Die Fahrt“ ein schönes harmonisches ganzes. Dazu ist die Geschichte bemerkenswert, toll erzählt und schön umgesetzt. Was soll mensch eigentlich noch anderes sagen? Der Nebeneffekt für das Hoerspielprojekt ist ein Dutzend angelernter Cutter_innen, die, wie Sascha Kiss und Falko Diekmann, auch schon in der Zwischenzeit ihre eigenen Erstproduktionen veröffentlicht haben. Auch ich habe übrigens eine Szene übernommen, ich hoffe, die Rezension ist dadurch nicht voreingenommen. Letztendlich hat Michael Gerdes aber den Hauptteil der Arbeit übernommen. „Die Fahrt“ kann komplett ihm zugerechnet werden und er muss sich deswegen absolut nicht verstecken, im Gegenteil. Er verdient für das gelungene Experiment Beglückwünschungen.
Natürlich ist das Hörspiel wieder frei herunterzuladen, was ich auch allen besten Gewissens empfehlen kann.

Bewertung: 14/15

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